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Wieso sind manche Menschen gestresst, obwohl eigentlich alles gut ist? Vielleicht, weil sie nach ihrer Geburt im Brutkasten gelegen haben, statt in den Armen ihrer Eltern. Die Isolation im Brutkasten kann das Nervensystem dauerhaft in Alarmstimmung versetzen. Wenn man das erkennt, lässt sich das auch Jahrzehnte später noch regulieren.
Foto von Alexander Grey auf Unsplash
Wenn wir über die Ursachen chronischer Einsamkeit, innerer Unruhe oder anhaltenden Stress sprechen, suchen wir die Ursache oft in der aktuellen Lebenssituation oder in Erinnerungen aus unserer Kindheit.
Doch manchmal lohnt es sich, in die ersten Lebenswochen zurückzuschauen. Denn unsere Stressregulation entwickelt sich in dieser Zeit. Eine Frühgeburt und die Trennung von den Eltern können Spuren im Nervensystem hinterlassen, die Betroffene bis ins Erwachsenenalter prägen, ohne dass es ihnen bewusst ist.
Den größten Teil unserer Evolution lebten wir in einer gefährlichen Umwelt. Der Mensch als Rudeltier brauchte seinesgleichen zum Überleben. Das galt erst recht für neugeborene Kinder. Alleinsein bedeutete für einen hilflosen, abhängigen Säugling Lebensgefahr.
Deshalb beruhigen auch heute noch der Herzschlag, die Wärme und der Geruch eines vertrauten Erwachsenen kleine Kinder.
Die moderne Medizin hat das lange verkannt und missachtet. Bei einer Frühgeburt wurden Kinder jahrzehntelang in Brutkästen gelegt, um ihre Überlebenschancen zu steigern. Doch der mangelnde Hautkontakt ist eine eigene Gefahr für Frühchen.
Statt der schützenden Nähe erlebten sehr viele Frühgeborene die Trennung von ihrer Mutter. Das allein ist mehr Stress, als ein Kind vor dem Geburtstermin aushalten sollte.
Dazu kommt eine permanente Reizüberflutung. Die Intensivstationen vergangener Jahrzehnte waren geprägt von grellem Licht, dem Summen der Geräte, schrillen Alarmtönen und unvermeidbaren medizinischen Routinen wie Blutabnahmen oder dem Legen von Sonden.
Aus Sicht vieler körperorientierter Traumatherapien können schon überraschende Berührungen im unreifen, schutzlosen Nervensystem eines Säuglings wie ein existenzieller Schock wirken. Sei es nur das Anfassen beim Wickeln mit kalten Händen durch das Pflegepersonal.
Babys schreien dann oft nicht. Denn wenn man zu klein ist, um wegzulaufen oder zu kämpfen, bleibt als Schutz nur Erstarrung, Rückzug oder Abschalten. Ruhe ist also nicht unbedingt Zufriedenheit; sie kann ein Schutzmechanismus sein. Oder biologische Erschöpfung, die Energie spart.
Dass diese frühen Erfahrungen tiefgreifende Auswirkungen haben, ist in der Wissenschaft eine verhältnismäßig neue Erkenntnis.
Bis weit in die 1980er-Jahre behauptete die Medizin, das Nervensystem Neugeborener sei so unentwickelt, dass sie Erlebtes mangels Gedächtnisses gar nicht abspeichern. Deshalb wurden sie in dieser Zeit teilweise ohne ausreichende Schmerzmittel operiert. Da nicht einmal medizinische Eingriffe psychologische Bedenken weckten, wurde an die Folge von Trennungen erst recht kein Gedanke verschwendet.
Heute kaum mehr vorstellbar. Wir rechnen mit vier Wochen für die Eingewöhnung eines Kita-Kindes, das ja bei der Trennung viel, viel größer ist als jedes Frühchen. Und Kita-Kinder werden nur für ein paar Stunden von ihren Eltern getrennt, nicht rund um die Uhr für Tage oder gar Wochen wie ein Brutkasten-Baby.
Der Mediziner K.S. Anand glaubte nicht, dass Neugeborene unempfindlich seien. Er wies 1987 nach, dass diese bei Operationen massive physiologische Stressreaktionen zeigen. Seine Studie im Fachmagazin The Lancet fand zum Glück große Beachtung.
In den 1990er-Jahren beschrieben Forscher wie Allan Schore und Dr. Bruce Perry, dass die ersten Lebenswochen sehr wichtig für die Entwicklung der Stressregulation sind.
Die epigenetische Forschung hat seit den 2000er-Jahren außerdem gezeigt, dass früher Stress die Regulation dauerhaft verändern kann. Das Gehirn läuft dann auf einem erhöhten Alarmniveau.
Die Erkenntnisse erreichten die Kliniken quälend langsam. In Kolumbien wurde 1978 aus Materialmangel (!) die sogenannte Känguru-Methode entwickelt, bei der das Frühgeborene nackt auf die Brust der Eltern gelegt wird. Dadurch sank die Sterblichkeitsrate um mehr als 30 Prozent (!!).
Kurz danach, in den 1980er Jahren, entwickelte die US-amerikanische Psychologin Heidelise Als ein Konzept, das Licht und Lärm in der Neonatologie verringerte und die Eltern stark einband.
Deutschland brauchte leider bis in die 2000er-Jahre, um die für Eltern streng reglementierten Stationen flächendeckend in familienzentrierte Einheiten zu verwandeln.
Wer vor dieser Zeit als Frühgeborenes in einem deutschen Brutkasten landete, erlebte meist eine weitgehende Trennung von der beruhigenden Nähe der Mutter.
Die Frühchen von damals verstehen oft nicht mal als Erwachsene die Bedeutung dessen, was ihnen in den ersten Lebenswochen widerfahren ist.
Sie erlitten Stress und Isolation, als sie weder Sprache noch Verständnis für die Umstände hatten. Es gibt also keine „Erinnerung“. Zwar wissen sie, dass sie im Brutkasten lagen, doch was das mit ihrer Einsamkeit oder ihrem hohen Stresslevel zu tun hat, ahnen sie nicht.
Bei manchen Betroffenen zeigt sich die Erfahrung von damals als heutige innere Verlassenheit, starke Verlustangst, Unruhe ohne erkennbaren Anlass, das Gefühl, auf niemanden zählen zu können, oder als ständige Wachsamkeit, obwohl keine Gefahr besteht.
Sie suchen Erklärungen und geben sich oft selbst die Schuld. Aus Angst wird dann „Ich bin zu empfindlich“, aus Verlassenheit „Ich bin nicht gut in Beziehungen“ und aus chronischem Stress „Ich kann mich einfach nicht entspannen“.
Ein Gedanke, ein Geräusch, ein Kältegefühl oder eine unerwartete Berührung versetzt das vegetative Nervensystem schlagartig zurück in den Überlebensmodus von damals, ohne dass die Betroffenen den logischen Grund dafür erkennen können. Sie verstehen nicht, dass sie gerade einen emotionalen Flashback haben, also körperlich genau das erleben, was in Wahrheit vor Jahrzehnten stattgefunden hat.
Bessel van der Kolk hat in seinem bahnbrechenden Werk Verkörperter Schrecken nachgewiesen, dass überwältigende Erfahrungen nicht als Erinnerungen gespeichert werden, sondern im Nervensystem so eingefroren werden, dass sie ein Wiedererleben sind. Der rationale Bereich des Gehirns schaltet ab, weshalb Betroffene keinen bewussten Zugriff auf die Ursache der körperlichen Reaktion haben.
Ähnliche Erfahrungen machen auch reifgeborene Menschen, die früh getrennt wurden, z. B. wegen medizinischer Eingriffe, Operationen oder Intensivbehandlungen. Die fehlende Regulation durch die Nähe vertrauter Bezugspersonen in den ersten Lebenswochen ist der entscheidende Faktor. Je kleiner das Kind und je länger die Trennung, desto stärker oft die Auswirkungen.
Die Folgen können so umfassend und dauerhaft sein, weil der Aufenthalt im Brutkasten kein einmaliges Ereignis war, sondern ein Dauerzustand. Und weil Kinder erst mit drei Jahren anfangen, ein vages Zeitgefühl zu entwickeln. Sie erleben ihr Leben als Unendlichkeit.
Das Nervensystem kann die Zeit im Brutkasten als ständig neue Erschütterung erleben: Immer wieder Überforderung, immer wieder kein Gegenüber, das beruhigt, immer wieder das Erleben, vollkommen haltlos und verloren zu sein.
In der psychischen Struktur können so viele isolierte, verängstigte innere Zustände entstehen, die zwar alle denselben Ursprung, aber unterschiedliche Auslöser haben.
Jahrzehntelange Studien zeigen, dass sehr frühe Belastungen tiefe Spuren hinterlassen können. Die finnische Helsinki Study of Very Low Birth Weight Adults und das Bayerische Entwicklungs-Screening begleiteten Frühgeborene von der Intensivstation bis ins Erwachsenenalter. Sie haben gezeigt:
Wer isoliert im Brutkasten ins Leben startete, kann ein höheres Risiko für spätere psychische Belastungen entwickeln, vor allem in drei Kernbereichen:
Während diese medizinischen Studien das Verhalten rein statistisch erfassen, gehen moderne körperorientierte Traumatherapien einen Schritt weiter. Sie betrachten die Summe dieser frühen Erfahrungen als potenzielle Ursache für eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS).
Aus dieser Sicht ist die frühe Kombination aus Isolation, Trennung und Überforderung eine plausible Ursache für spätere emotionale Instabilität und Bindungsschwierigkeiten, bei der das Nervensystem wie in der damaligen Hilflosigkeit reagiert.
Das Neugeborene kann nicht aus eigener Kraft fliehen. Wenn Betroffene heute unter emotionalen Flashbacks leiden, erleben sie keine „eingebildeten“ Gefühle. Ihr Nervensystem reagiert, als befänden sie sich jetzt aktuell in der längst vergangenen Situation.
Für Menschen, die heute 45 Jahre oder älter sind, sind die Auswirkungen der frühen Brutkasten-Isolation vermutlich noch drastischer. Die genannten Längsschnittstudien begannen erst Mitte der 1980er-Jahre, als bereits ein erstes Bewusstsein für die Bedürfnisse Frühgeborener entstanden war.
Wer zwischen 1950 und den frühen 1980er Jahren zu früh auf die Welt kam, war einer klinischen Realität ausgesetzt, die aus heutiger Sicht einem fortlaufenden Trauma gleicht: Die Babys wurden über Wochen oder Monate radikal isoliert. Eltern konnten ihre Kinder oft nur durch Glasscheiben sehen.
Das betraf nicht nur Frühgeborene. Deutschland war noch lange geprägt von den Erziehungsidealen der Nazis, die Nähe und Trost als „Verzärteln“ ansahen. Die NS-Ärztin Johanna Haarer empfahl feste Fütterungszeiten, emotionalen Abstand und das Schreienlassen von Babys, weil letzteres angeblich die Lungen stärke.
Für Frühgeborene verschärfte das die ohnehin belastende Situation. Sie wurden nicht nur von ihren Eltern getrennt. Sie landeten zusätzlich in einem System, das nicht nur die Bedeutung von Nähe, Körperkontakt und Geborgenheit negierte, sondern sie sogar für falsch hielt.
Doch zum Glück ist die frühkindliche Prägung kein unumstößliches Urteil.
Besonders wenn später viel Nähe, Sicherheit und liebevolle Betreuung da waren konnten diese Erfahrungen ausgeglichen werden. Diese Frühgeborenen entwickelten sich dann oft völlig unauffällig. Gleichzeitig ist der Brutkasten-Aufenthalt ein Risikofaktor. Angeborene Sensibilität, spätere Bindungserfahrungen und die aktuelle Lebenssituation spielen ebenfalls eine Rolle. Wer heute unter Stress oder Einsamkeit leidet, hat meist nicht „nur“ wegen des Brutkastens Probleme. Gleichzeitig kann das Wissen um die Folgen früher Trennung ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis sein.
Dr. Bruce Perry beschreibt in seinem Buch Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde, dass die ersten zwölf Lebenswochen für die Entwicklung des Nervensystems prägender sein können als die folgenden zwölf Jahre.
Das Gehirn baut nach der Geburt in jeder Sekunde Millionen neue Nervenverbindungen auf – so schnell wie nie wieder im gesamten Leben. Jede Berührung, jeder Blick und jedes Geräusch formt dieses wachsende Beziehungsnetz im Kopf des Babys direkt mit. Sichere Erlebnisse festigen die wichtigen Bahnen für Ruhe und Vertrauen tief im Nervensystem. Diese frühen Reize prägen die untersten Etagen des Gehirns, die später den gesamten Körper steuern. Das Baby baut in diesen Wochen sein biologisches Fundament für Gefühle und Stressreaktionen auf. Spätere Erlebnisse setzen dann immer auf diesem ersten Fundament auf.
Deshalb ist schwieriger auszugleichen, was in dieser Zeit gefehlt hat. Bewusste Arbeit, Geduld und innere Nachnährung sind nötig, um das Nervensystem neu zu regulieren.
Viele Eltern treffen die neuen Erkenntnisse bis ins Mark. Für viele von ihnen hat es sich falsch angefühlt, ihre winzigen Babys im Krankenhaus zurückzulassen. Doch jeder Widerstand wurde im Keim erstickt. Jahrzehntelang war diese Vorgehensweise medizinischer Standard. Eltern hatten meist kaum Einfluss und litten selbst darunter, ihre Kinder nicht sehen oder halten zu dürfen.
Das Modell Internal Family Systems (IFS) hilft, die daraus entstehende innere Dynamik zu begreifen.
IFS versteht die Psyche als inneres Team. Wie eine Mannschaft, die gemeinsam auf dem Platz steht, nicht wie ein Tennisspieler, der allein für sich entscheidet. Diese innere Mannschaft wird von unserem wahren Selbst, unserem inneren Kern, geführt.
Nach IFS haben wir schon von Geburt an verschiedene innere Anteile. Bei Gefahr werfen diese sich schützend vor das Selbst: Wird das Kind im Brutkasten plötzlich angefasst, speichert ein innerer Anteil diesen Schrecken, damit die Angst unseren Kern nicht überwältigt.
Da der Schrecken zu groß war, um von dem kleinen Kind allein verarbeitet zu werden, wird dieser Teil in ein inneres Verlies im Unbewussten gesperrt. Das restliche innere Team kann so trotz der unverarbeiteten Überforderung weiter funktionieren.
Doch der verdrängte Schmerz von damals steckt noch im System. Damit er den heranwachsenden Menschen nicht plötzlich überwältigt, schützen andere Persönlichkeitsanteile die Verbannten. Diese Beschützer versuchen mit allen Mitteln zu verhindern, dass der Schmerz des Babys von einst ins Bewusstsein dringt. Die Strategien der Beschützer sind beispielsweise Leistung oder emotionale Taubheit. Andere lenken uns ab oder schlagen Alarm, wenn wir zur Ruhe kommen wollen.
In der IFS-Arbeit merken viele: Es gibt nicht „das eine“ verletzte innere Kind, das einmal gefunden und integriert werden muss. Sondern es tauchen immer neue innere Verbannte auf, die unterschiedliche Facetten derselben frühen Not tragen: Kälte, Einsamkeit, Schmerz, Erstarrung, Hunger, Sehnsucht, Verlassenheit oder Todesangst.
Deshalb ist Fortschritt oft langsam und mühselig. Kaum geht es einem vorher unglücklichen Anteil wieder gut, zeigen sich weitere, die Hilfe brauchen. Und noch einer. Und noch einer. Das kostet Geduld und Zeit. Gleichzeitig sinkt die Belastung des Systems mit jedem integrierten ehemaligen Verbannten und es kehrt immer mehr Leichtigkeit, Lebendigkeit und Freude ein. Wie Inseln, die größer werden.
IFS wird von vielen deshalb als sehr hilfreich erlebt, weil es nicht auf Sprache angewiesen ist. So, wie wir ein weinendes Baby nicht mit einem theoretischen Vortrag über die Vorzüge des Schlafes beruhigen, sondern indem wir es sanft in unseren Armen wiegen, arbeitet IFS auch auf der Ebene der Verkörperung.
Der erste Schritt ist oft, den Zusammenhang zu erkennen. Danach können Ansätze wie IFS helfen, das Nervensystem neu zu regulieren.
Der Weg durch diese frühen Schichten der eigenen Geschichte erfordert Geduld, weil sowohl die Verbannten als auch die Beschützer-Anteile in der damaligen Zeit feststecken. Sie begreifen erst mit der Zeit, dass die Vergangenheit vorbei ist. Und entwickeln erst langsam Vertrauen zum erwachsenen Selbst.
Die Forschung zeigt jedoch: Was damals gefehlt hat, ist nicht endgültig verloren. Die enorme Plastizität unseres Gehirns erlaubt es, den damals überwältigten inneren Anteilen heute den Schutz zu geben, den sie von Anfang an verdient hätten.
Wenn Du jemanden kennst, der als Frühgeborenes im Brutkasten lag und heute unter Stress, Einsamkeit oder innerer Unruhe leidet: Denke daran, dass heutiges Verhalten eine neurobiologische Ursache haben kann. Und teile diesen Beitrag, wenn er hilfreich sein könnte.
Ich bin Jeanne, Menschenmensch, und fasziniert von der Frage, wie wir unser bestes Leben leben.
In meinen Coachings und Seminaren vermittle ich neben praktischem Wissen auch Strategien und Techniken zur Selbstführung, um zu sich selbst und seiner ganzen Kraft und Lebensfreude zu finden.
Erwachsen zu sein bedeutet für mich, eng verbundene Beziehungen zu genießen, die eigenen Werte im Alltag zu leben, für die eigene Fitness und Gesundheit zu sorgen und einer Arbeit nachzugehen, die einen Beitrag leistet und die eigenen Stärken und Fähigkeiten ausdrückt.