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See me beautiful,

look for the best in me
that`s what I really am,
and all I want to be
it may take some time,
it may be hard to find
but see me beautiful.

Marshall B. Rosenberg

Veröffentlicht am 10.01.2026 von Jeanne

Ein paar Tage lang verzierten entzückende Schneemänner das Geländer der Krugkoppelbrücke. 

Ganz viele. 

Jeder anders. 

Sie hatten unterschiedliche Gesichter, Formen, Größen. Die meisten standen in respektvollem Abstand zueinander; manche waren einander näher als andere. Einer trug eine Mütze. Einige hatten Ästchen als Arme, andere eine Jacke mit Steinknöpfen. Es gab Stielaugen, viele verschiedene kleine Details. 

Manche waren ein bisschen schief ins Leben gebaut.

Jeder dieser kleinen Schneemänner war für sich einzigartig und schön. 

Jedes Mal, wenn ich sie sah, wärmten die kalten Figuren mir das Herz. 

Sie erinnerten mich an das, was wir Menschen in uns haben: Kreativität, Verspieltheit und Sinn für das Schöne. Die Fähigkeit, Gelegenheiten beim Schopfe zu packen und etwas daraus zu machen.

Sie bestärkten in mir meinen Glauben an die Menschheit. Daran, dass wir "es" schaffen können. Was immer "es" ist.

Ich bin so oft wie möglich an ihnen vorbei spaziert und habe sie bewundert und mich an ihnen erfreut. Ich wusste ja um ihre Vergänglichkeit. 

Doch zur Schmelze kam es nicht. 

Es war noch immer unter null Grad, und plötzlich waren alle weg.

"Was mag ihnen wohl passiert sein?!", fragte ich mich. Ohne Hoffnung, jemals eine Antwort auf diese Frage zu erhalten.

Doch Social Media hat Antworten: 

Es gibt ein Video auf Instagram, das zeigt, wie ein Mann sie alle kaputt macht. Einen nach dem anderen. Zack, zack, zack.

Und die Dokumentation dieser Zerstörung - und vor allem die Reaktion darauf - gibt mir das Gefühl, nicht allein zu sein. Weder in der Freude über die kleinen kalten Schneefiguren, noch in dem Bedürfnis, zu erfahren, was aus ihnen geworden ist - und vor allem nicht in meinem Blick auf "den Täter".

Marshall B. Rosenberg, der Begründer der gewaltfreien Kommunikation, hat in seinem Song "See me beautiful" Worte gefunden, die das wunderbar zusammenfassen:

See me beautiful,
look for the best in me
That`s what I really am,
and all I want to be
it may take some time,
it may be hard to find
but see me beautiful.

See me beautiful,
each and every day
could you take a chance,
could you find a way
to see me shining through,
in everything I do
and see me beautiful?

In der überwiegenden Menge an Kommentaren unter dem Zerstörungsvideo zeigt sich eine andere Seite genau der gleichen Menschlichkeit, die ich auch in den Schneemännern repräsentiert sah. 

Es gibt zwar auch ein paar abwertende Kommentare über den Kerl, der den Kunstwerken ihr vorzeitiges Ende beschert hat. 

Das Interessante ist aber, dass die meisten Kommentierenden über etwas anderes geschrieben haben:

Über einen verletzten Menschen.

Einer schrieb sogar: "Vielleicht wirft er die Schneemänner von der Brücke, weil er selbst springen möchte. Und das sein Weg ist, es nicht zu tun."

Die aktuelle Weltlage lässt viele verzweifeln, doch ich sehe eine wachsende Fähigkeit, im Zerstören die Verletzung zu erkennen. Nicht immer nur "Schuld".

Dr. Bruce Perry hat dieses wunderbare Buch geschrieben. In dem er dazu einlädt, statt zu fragen: "What's wrong with you?!" zu verstehen: "What happend to you?"

Damit ist nicht gemeint, dass Menschen nicht für ihre Handlungen verantwortlich sind. Das sind sie. Doch es öffnet uns die Perspektive zu einer Lösung.

Wenn wir wirklich, WIRKLICH verstehen, dass es nicht nur so dahin gesagt ist, wenn wir etwas als unmenschlich bewerten. Sondern dass wir mit dem Wort unmenschlich etwas aussagen über die wahre Natur des Menschen. Nämlich: dass wir von Natur aus mitfühlend, respektvoll, freundlich, kreativ und spielerisch sind.

Ja, wir sehen Vieles, das uns am Guten im Menschen zweifeln lässt. Und auch auf der Krugkoppelbrücke ist es einer, der das kaputt macht, was einige gebaut und viele erfreut hat. 

Und gleichzeitig ist das Gute nachweislich da.

Und wenn wir sehen, dass das Schlechte aus Verletzung entsteht, dann können wir begreifen, dass das unsere Chance zur Transformation ist. Denn wenn wir den Schmerz heilen, dann finden wir in unsere wahre Menschlichkeit.

Sowohl individuell als auch kollektiv. Und das, Freunde, ist eine hoffungsvolle Perspektive!

Wie können wir uns als Kollektiv auf unsere wahre Menschlichkeit besinnen? 

Indem wir verstehen, wie wir sie verlieren.

Und das gelingt am ehesten, wenn wir uns darüber austauschen. Deshalb schreibe ich diesen Text und deshalb freue ich mich, wenn Du ihn mit einer Person teilst, die das auch interessieren könnte.

Wie kommt es also dazu, dass da ein Kerl auf der Krugkoppelbrücke kurzen Prozess mit beglückenden Schneemännern macht?

Ich habe keine Ahnung. Genau wie die anderen knapp 8.000 Menschen, die bis jetzt den Instapost kommentiert haben.

Und ich habe gleichzeitig eine Theorie.

Die sagt natürlich nichts über den Mann auf der Krugkoppelbrücke aus. Ich kenne ihn nicht und finde das auch gut so. 

Aber über meine Theorie möchte ich mit Euch sprechen (ich ich freue mich über Kommentare, wenn Ihr Euch einbringen wollt). 

Meine Theorie geht so:

Als Rudeltiere sind Menschen hochsozial und empathisch. Von Natur aus. Sie müssen Empathie nicht lernen. Das einzige, was sie in ihrer Entwicklung brauchen, um sich naturgemäß zu entwickeln, sind Bezugspersonen, die ihnen helfen, ihre emotionale Regulierung auf die Reihe zu bekommen.

Das liegt daran, dass der aufrechte Gang und unser großer Kopf es nötig gemacht haben, dass wir als Menschen extrem unreif zur Welt kommen. Mit dem aufgerichteten Becken war es einfach nicht möglich, so lange im Mutterleib zu bleiben, bis der Mensch weitgehend selbständig ist. 

Ein Pferd kann kurz nach der Geburt bereits ziemlich schnell rennen, ein Mensch braucht dafür Jahre.

Und wenn ich mich so umsehe, können die meisten von uns auch nach Jahren noch immer nicht oder nicht mehr schnell rennen, aber das ist ein anderes Thema.

Jedenfalls war "schnell rennen" nie unsere größte Stärke als Spezies, sondern: Kooperation und Denken.

Das moderne Leben, die sog. "Zivilisation" ist evolutionär gesehen ein vergleichsweise kurzer Zeitraum. Und die Entwicklung der letzten paar hunderte Jahre so extrem schnell, dass wir quasi nicht mehr in unserem artgerechten Lebensraum wohnen.

Versteh mich nicht falsch, ich freue mich riesig über die Zentralheizung, den Supermarkt und das fließende Wasser und gäbe es keine Antibiotika wäre ich seit mehr als 50 Jahren tot.

Und trotzdem ist die Art, wie wir in unserer Zeit Kinder aufziehen, keine artgerechte Menschhaltung.

Evolutionär betrachtet ist das Aufziehen von Kindern ein Teamsport. Immer gewesen. 

Kinder waren nie dafür gemacht, von ein oder zwei Erwachsenen großgezogen zu werden, die gleichzeitig Nahrung beschaffen, soziale Gefüge managen, Konflikte lösen und emotionale Stabilität herstellen. Dafür sind sie einfach zu unentwickelt, wenn sie zur Welt kommen. 

Deshalb haben die längste Zeit der Menschheitsgeschichte viele Erwachsene und 

Viele Erwachsene. Viele Arme. Viele Nervensysteme, die sich gegenseitig regulieren konnten. Wenn die Mutter am Limit war, übernahm jemand anderes. Wenn das Kind schrie, gab es Optionen. Rückzugsorte. Übergänge. Puffer.

Das, was wir heute „Normalfamilie“ nennen, ist historisch betrachtet eine sehr junge Konstruktion. Und eine extrem fragile.

Hinzu kommt: In unserem System dienen Menschen nicht dem Menschen, sondern dem System. Kinder zählen wenig, weil sie zahlenmäßig unterlegen sind. Und weil sie Geld kosten und keins bringen. Familien zählen wenig, weil sie nicht effizient sind. Weil sie Pausen brauchen. Weil sie krank werden. Weil sie Bedürfnisse haben.


Ich bin Jeanne, Menschenmensch, und fasziniert von der Frage, wie wir unser bestes Leben leben. 

In meinen Coachings und Seminaren vermittle ich neben praktischem Wissen auch Strategien und Techniken zur Selbstführung, um zu sich selbst und seiner ganzen Kraft und Lebensfreude zu finden. 

Erwachsen zu sein bedeutet für mich, eng verbundene Beziehungen zu genießen, die eigenen Werte im Alltag zu leben, für die eigene Fitness und Gesundheit zu sorgen und einer Arbeit nachzugehen, die einen Beitrag leistet und die eigenen Stärken und Fähigkeiten ausdrückt.